Ich reise seit vielen Jahren mit Frauengruppen. Und jedes Mal passiert etwas, das sich schwer planen lässt. Wir fahren an einen anderen Ort, wohnen einige Tage zusammen, tanzen, essen, reden, gehen spazieren, schauen uns etwas an. Eigentlich nichts besonders Spektakuläres. Und trotzdem ist eine Reise etwas anderes als ein Kurs oder ein Workshop zu Hause. Frauenreisen sind für mich deshalb mehr als das, was im Programm steht.
Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass wir nicht nach zwei Stunden wieder auseinandergehen. Wir erleben nicht nur das, weswegen wir gekommen sind. Wir erleben auch alles drumherum.
Die Zeit zwischen den Tanzeinheiten
In einem Kurs treffen wir uns zu einer bestimmten Zeit und mit einem bestimmten Grund. Danach gehen alle wieder nach Hause. Auf einer Reise verbringen wir auch die Zeit miteinander, in der gerade nichts vorgesehen ist.
Beim Frühstück. Auf dem Weg irgendwohin. Beim Warten auf den Bus. Beim Abendessen, wenn längst niemand mehr weiß, wie das Gespräch eigentlich angefangen hat. Oder wenn zwei Frauen noch sitzen bleiben, während die anderen schon ins Bett gegangen sind.
Gerade in diesen Zeiten entstehen oft Gespräche, für die im Alltag wenig Platz ist. Das müssen nicht unbedingt die großen Lebensgeschichten sein (können es aber…). Manchmal erzählen wir einfach länger, weil niemand auf die Uhr schaut. Ein Thema führt zum nächsten. Eine erzählt etwas und eine andere sagt: Das kenne ich.
Das braucht Zeit. Und die haben wir auf Reisen.
Ich habe es sehr genossen und danke Dir im Besonderen für … die feinen Gespräche am Abend.
Margit, Teilnehmerin an einer Sommertanzwoche
Wenn etwas schiefgeht
Auf Reisen funktioniert nicht immer alles so, wie wir es uns vorgestellt haben. Ein Bus kommt nicht. Ein Weg ist länger als gedacht. Das Restaurant hat geschlossen. Wir verlaufen uns oder stehen irgendwo und versuchen gemeinsam herauszufinden, was auf einem Schild steht.
Alleine kann so etwas ziemlich lästig sein. Gemeinsam wird es immer wieder erstaunlich lustig.
Viele der Geschichten, an die wir uns nach Jahren noch erinnern, sind nicht die perfekt organisierten Programmpunkte. Es sind die kleinen Pannen, Umwege und Missverständnisse. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir sie gemeinsam erlebt haben. Wir wissen, dass sich auch andere daran erinnern.
Dass geteiltes Erleben intensiver wird, wurde bereits untersucht. In einer kleinen Studie an der Yale University haben 23 Studentinnen zweimal dasselbe Stück Schokolade gekostet, einmal während eine zweite Person mitgekostet hat, einmal während diese Person etwas anderes getan hat. Geteilt hat die Schokolade deutlich besser geschmeckt. In einem zweiten Durchgang mit sehr bitterer Schokolade war es umgekehrt, geteilt hat sie noch bitterer geschmeckt (Boothby, Clark und Bargh, Psychological Science 2014). Ob sich das von einem Stück Schokolade auf eine Woche in Sizilien übertragen lässt, weiß ich nicht. Zu dem, was ich unterwegs erlebe, passt es ganz gut.
Wir entdecken einander neu
Auch Frauen, die sich schon lange kennen, erleben einander auf Reisen neu. Zu Hause kennen wir uns meistens in bestimmten Zusammenhängen. Als Kollegin, Freundin, Mutter, Partnerin, Kursteilnehmerin oder Nachbarin.
Unterwegs fallen einige dieser gewohnten Rollen zumindest zeitweise weg.
Dann sehe ich vielleicht eine Frau, die ich seit Jahren kenne, plötzlich ganz anders. Weil sie ohne zu zögern nach dem Weg fragt, während ich noch überlege, ob meine Sprachkenntnisse dafür reichen. Weil sie bei einer Planänderung überraschend gelassen bleibt. Oder weil ausgerechnet die sonst so Zurückhaltende am Abend die ganze Runde zum Lachen bringt.
Und natürlich sehen die anderen auch mich anders.
Das kann interessant sein. Wir erfahren etwas voneinander, das im gewohnten Alltag vielleicht nie sichtbar geworden wäre.
Was für ein Geschenk, sich im Kreise ganz verschiedener toller Frauen … auf die Musik und Bewegungen des ägyptischen Tanzes einlassen zu können, sich im Tanz selbst zu fühlen, zu begegnen, neue Seiten an sich zu entdecken.
Ruth (Köln), Sommertanzwoche 2026
Mut steckt an
Das kenne ich auch aus meinen Tanzgruppen. Wenn einer Frau etwas gelingt, wird es für die nächste ein bisschen leichter.
Auf Reisen ist es ähnlich.
Eine geht ins Meer, obwohl das Wasser ziemlich kalt ist. Eine andere probiert ein Essen, bei dem keine von uns genau weiß, was es eigentlich ist. Eine spricht einfach Leute auf der Straße an. Eine sagt ganz bestimmt Nein. Eine traut sich, alleine noch eine Runde durch den Ort zu gehen.
Wir sehen, wie unterschiedlich Frauen mit neuen Situationen umgehen. Und manchmal entdecken wir dabei Möglichkeiten, auf die wir alleine nicht gekommen wären.
Das gefällt mir an Frauengruppen besonders. Nicht alle müssen dasselbe wollen und nicht alle müssen gleich mutig sein. Im Gegenteil. Gerade die Unterschiede machen eine Gruppe interessant.
Zeit für dich
Wenn Frauen gemeinsam reisen, heißt das für mich übrigens nicht, dass wir von morgens bis abends alles gemeinsam machen müssen.
Das wäre zu viel.
Auch in einer Gruppe darfst du Zeit für dich brauchen. Ein Appartement zu teilen oder gemeinsam essen bedeutet nicht, ständig reden zu müssen. Eine möchte vielleicht noch durch den Ort gehen, eine andere braucht nach einem langen Tag Ruhe. Manche sitzen bis spät am Abend zusammen, andere verschwinden früher.
Ich finde, eine gute gemeinsame Reise braucht beides: Gemeinschaft und die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Das Miteinander funktioniert sowieso am besten, wenn wir freiwillig gemeinsam sind. Wie in unseren gemeinsamen Gesprächsrunden nach dem Tanz: Jede hat die Möglichkeit, etwas zu sagen, keine muss. Warum eine Tanzreise gerade für Alleinreisende gut passen kann, habe ich in Alleine reisen, gemeinsam ankommen beschrieben.
Reisen und Tanzen
Auf meinen Tanzreisen kommt noch etwas dazu. Wir sind nicht nur gemeinsam an einem anderen Ort, wir bewegen uns und tanzen auch miteinander.
Dabei erlebe ich etwas Ähnliches wie auf der Reise selbst. Ich kann etwas für mich ausprobieren und bin trotzdem Teil einer Gruppe. Ich sehe andere Frauen und werde von ihnen gesehen. Ich kann mich anregen lassen, ohne etwas übernehmen zu müssen.
Und nach dem Tanzen gehen wir nicht sofort nach Hause.
Wir essen miteinander, gehen vielleicht noch ans Meer, an den See, zum Fluß oder eine Runde in den Wald. Vielleicht sitzen wir irgendwo auf einer Piazza, in einem gemütlichen Innenhof oder reden beim Frühstück weiter. Der Tanz gehört zur Reise und die Reise beginnt irgendwann, in den Tanz hineinzuwirken.
Vielleicht mag ich diese Form des Reisens deshalb so gern.
Wir fahren gemeinsam weg, um an einem anderen Ort zu tanzen. Aber was wir mit nach Hause nehmen, lässt sich vorher nicht ins Programm schreiben.
Ich konnte nicht nur viele körperliche Erfahrungen machen, sondern auch herzöffnende Momente in der Gruppe genießen. Hoffentlich kann ich diese glücklichmachenden Bewegungen und Begegnungen noch lange im Alltag nachwirken lassen.
Michaela (Graz), Sommertanzwoche 2026
Was ist dir von deiner letzten gemeinsamen Reise geblieben? Ich freu mich über eure Kommentare!
Meine nächsten Tanzreisen findest du hier. Vorkenntnisse sind weder nötig noch hinderlich. Du bist herzlich eingeladen. 🙂












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