Tanz zu Dir Selbst – ein Prozess in drei Phasen

Was passiert eigentlich bei Tanz zu Dir Selbst. Wie und warum funktioniert das?

Einige Grundgedanken sowohl für Frauen, die sich für meine Kurse interessieren, als auch zur Fortbildung für Kursleiterinnen. (Bei Interesse trag Dich bitte hier ein: http://tanzzudirselbst.at/)

Über 2 Jahrzehnte Erfahrung mit der Leitung von Frauengruppen zu den Themen Tanz, Bewegung, Körper- und Selbsterfahrung sind die Grundlage für Tanz zu Dir Selbst. Ich verstehe Tanz zu Dir Selbst nicht als fixes Unterrichts- oder Seminarschema, sondern als lebendigen Prozess. Dieser verläuft im Wesentlichen in drei Phasen:

1. Achtsamkeit – Bewusstheit – Vertrauen finden.

In  einer ersten Phase wenden wir uns der bewussten Wahrnehmung zu. Dabei wird durch die Bewegung unser inneres Gefühl für unser Selbstbild und Körperbild, also für die Situation, in der wir uns gerade befinden, bewusst gemacht. Methoden können unter anderem angeleitete Körperwahrnehmung oder Bewegungsexploration sein. Wir richten unsere Aufmerksamkeit bewusst auf unseren Körper und unsere Stimmung. Was unser Bewegungsvokabular angeht, können wir dabei auch feststellen welchem Pol wir im Hinblick auf Zeit, Raum, Kraft oder Körperspannung näher sind.

Das Erlernen der Tanztechnik für den Ägyptischen Tanz hängt sehr von den Voraussetzungen jeder einzelnen Teilnehmerin ab. Die Bewegungen können nicht einfach nachgemacht werden, vielmehr ist ein sukzessives Herantasten und die Arbeit an den dahinter liegenden Prinzipien erforderlich. Das heißt, die Teilnehmerinnen werden von Anfang an mit allen möglichen Bewegungen konfrontiert, die nicht sofort gelingen können und Themen wie Leistung, Ehrgeiz, Perfektion oder Sich-Vergleichen werden aktiviert.

Bewegungsprinzipien aus dem Tanz, wie z.B. Erdung und eine gute Verankerung in der Körpermitte unterstützen das Sich-Einlassen. Das Erforschen neuer Bewegungsmöglichkeiten kann zeigen, welchem Pol eines Bewegungspaares wir näher sind  und so dazu beitragen, die eigenen Vorlieben und zugleich das was wir noch lernen können zu erkennen.

Das Ziel ist dabei, von Anfang an einen eigenständigen Stil der Kursteilnehmerinnen zu fördern, ihr dabei zu helfen, ihren einzigartigen Bewegungsausdruck zu finden.

In jeder Anfangsphase – also auch zu Beginn eines Kurses / Workshops /Seminars versuchen wir, unseren Platz in der Gruppe zu finden. Dabei können immer auch Ängste aktiviert werden (bin ich gut genug? Mach ich das richtig?).

Hier ist die Persönlichkeit der Gruppenleiterin gefragt. Aber natürlich gibt es auch Bewegungstechniken, wie zum Beispiel die Arbeit mit den Beinen und Füßen und Übungen zur Erdung, Aufrichtung und Haltung. Wir verwenden diese und andere Übungen, die den Teilnehmerinnen helfen bei sich selbst anzukommen, sich selbst wahrzunehmen, sich auf das was ist zu konzentrieren und eventuell vorhandenen Alltagsstress und Leistungsansprüche abzulegen. Alles ideale Voraussetzungen, um sich der Tanztechnik zu öffnen.

2. Neue Möglichkeiten erkunden, Eigenimpulse stärken, Ressourcen aktivieren

In einer zweiten Phase experimentieren wir mit Haltungen, Bewegungen und Schritten aus dem Ägyptischen Tanz und erweitern so unsere Bewegungsmöglichkeiten. Durch das Kennen lernen der verschiedenen Pole der einzelnen Bewegungsqualitäten kommen wir nicht nur mit neuen Bewegungsmustern, sondern auch mit neuen Gefühlsinhalten in Kontakt, erkennen unsere Gefühls- und Handlungsvorlieben und lernen diese zu schätzen und zu würdigen.

Das Ziel in dieser Phase ist, sich der eigenen Vorlieben bewusst zu werden, diese als Ressource zu erkennen und sich mit Spass und Freude dem jeweils anderen Pol anzunähern. So erweitern wir unsere Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten und werden außerdem selbstbewusster und unabhängiger.

Nach und nach können wir uns so auch den eher ungeliebten und abgelehnten Seiten (also den Schattenseiten) unseres Selbst zuwenden, sie bewusst wahrnehmen und akzeptieren. Das ist immer ein erster Schritt für eine Veränderung in die Richtung, die wir uns wünschen.

Das Erlernen von Ägyptischem Tanz fordert die ganze Person. Der Ausdruck soll möglichst authentisch werden. Die Tänzerin zeigt nicht, was sie kann, sondern sich selbst und versucht zu einem Kanal für die Musik zu werden. Sie füllt ihre Bewegung mit Emotion und tanzt das, was die Musik in ihr auslöst. Das heißt immer, sich auf unsicheres Terrain zu wagen.

Wir improvisieren von Anfang  an mit einem fixen Bewegungsvokabular. Das kann herausforden und irritieren. Um Bewegungen und Schritte zu verinnerlichen ist es andererseits notwendig, diese immer wieder zu tanzen. Das erfordert ein einfühlsames Vorgehen, die Thematisierung der oben genannten Themen und einen ausgeglichen Wechsel zwischen fixen choreografischen Vorgaben und Angeboten zu Improvisation und freiem Tanz.

Übungen zu Entspannung und Loslassen sind dabei hilfreich. Mut zum ersten Schritt, zur eigenen Bewegung, vor allem aber auch der Mut zum „Fehltritt“ wird gefördert. Das kann positive Auswirkungen auf eine eventuell vorhandene perfektionistische Einstellung haben und einen gelasseneren Umgang mit den Themen Leistung und Konkurrenz fördern. Fehler können so als Lerngelegenheit erkannt werden.

Tanz zu Dir Selbst folgt den Grundannahmen der Humanistischen Psychologie und geht von dem aus, was ist, von der aktuellen Befindlichkeit, dem sinnlich erfahrbaren Ist-Zustand. Persönliche Eigenarten werden gestärkt und als positive Ressourcen für die eigene Entwicklung genutzt. Dieses Angenommen-Sein und der positive Blick auf die eigene Person ermöglichen die Förderung der weniger entwickelten Anteile.

Das heißt, dass der Fokus nicht auf Problemen und Defiziten liegt, also auf dem was fehlt. In Bewegung wird uns nicht bewusst, was nicht zu sehen ist, sondern es wird das bestärkt, was schon da ist und offensichtlich Sicherheit gibt, Freude macht oder leicht fällt. Das Bewusstmachen und Bestärken dieser Bewegungs- und Verhaltensmuster macht den Weg frei, etwas Neues auszuprobieren, sowohl auf körperlicher, als auch auf emotionaler Ebene. Das Integrieren eigener Licht- und Schattenseiten stärkt das Selbstbewusstsein und verhilft zu einem gelasseneren, ressourcenorientierten Umgang mit den Wechselfällen des Lebens.

3. Integration – Übernahme in den Alltag

Mit der Zeit gelingt es immer besser, das Gelernte in den Alltag mitzunehmen. Wir lernen uns immer authentischer auszudrücken, in Bewegung und verbal. Ungeliebte und abgelehnte Anteile unserer Persönlichkeit werden bewusster und wir lernen es, uns auch diesen Anteilen liebevoll zu zu wenden.  Unser Verhalten und unsere Wahrnehmungen stimmen immer öfter überein, der Köper wird wahrgenommen wie er ist, wir werden uns unserer verschiedenen Persönlichkeitsanteile bewusst und haben eine immer größere Wahlfreiheit in unseren Handlungen. Wir beginnen bewusst neue Verhaltensmöglichkeiten auszuprobieren und einzuüben.

In meiner praktischen Arbeit in Gruppen und in Einzelstunden haben sich immer wieder ähnliche Themen gezeigt:

Fehlendes Selbstbewusstsein, Selbstwahrnehmung, die nicht im Einklang mit der Wahrnehmung der Umgebung steht, die Unfähigkeit Grenzen zu setzen oder zu akzeptieren. Viele Teilnehmerinnen geben immer wieder als Problem an, dass es ihnen nicht gelingt, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu vertreten, dass sie immer „zu lieb wären und versuchten, es Allen recht zu machen“.

Entwicklungspsychologisch entspricht das dem Prozess von der Symbiose zur Individuation, dem Finden eines Gleichgewichts zwischen Autonomie-Bestrebungen und Beziehungsfähigkeit, im Ägyptischen Tanz trainieren wir die Fähigkeit, gleichzeitig ganz bei sich und doch offen zu sein.

Tanz- Bewegungs- und Körpertherapien gehen grundsätzlich davon aus, dass ein „Nachnähren“ möglich ist. In Tanz zu Dir Selbst können wir diese Entwicklungsphasen in Bewegung spielerisch, ohne Stress und Angst nacherleben und so Themen wie Eigenständigkeit, Durchsetzungsvermögen, das (Aus)Halten-Können von Empfindungen und Gefühlen oder auch Empfindsamkeit, Hingabe oder Nachgiebigkeit im nachhinein erlebbar machen und integrieren.

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Astrid Pinter

Tanz- und Ausdruckstherapeutin, Tanzpädagogin. Ich leite seit über 20 Jahren Tanz- und Bewegungsgruppen für Frauen.
Mehr über mich unter "Über Mich" :-)

5 Comments

  1. Pingback: Tanz zu Dir Selbst - eine Fortbildung für Leiterinnen von bewegten Frauengruppen

  2. Liebe Astrid, wann beginnt diese Ausbildung TANZ ZU DIR SELBST mit den 3 Phasen?
    Wo findet es statt, wie lange dauert diese Fortbildung und wieviel betragen die Kosten?
    LG aus dem Steyrtal Sylvia Petronella

    • Liebe Sylivia,
      schön von Dir zu hören und danke für Dein Interesse. Zur Antwort auf Deine Fragen: Alle sind gerade in Bearbeitung:-) Ort, Dauer und Kosten werden bis Ende Mai / Anfang Juni feststehen, ich werde Dich dann informieren! Noch einen schönen Sonntag,

      Liebe Grüße
      Astrid

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