Raksan

RAKSAN/Berlin „online – Tanzen in Corona-Zeiten“

Raksan lebt in Berlin und verbindet in ihren Workshops, Fortbildungen und Bühnenkonzepten tanzspartenübergreifende Bewegungsansätze, Performance und Improvisationstechniken mit der Vielfalt der Orientalischen Tanztradition – unter dem Titel TAI (TanzAusdruckImprovisation)


Liebe Raksan, was ist Dein Hintergrund / Beruf?

RaksanIch bin Jahrgang 1960, wurde in Hamburg geboren und habe nach dem Abitur knapp zwei Semester lang versucht, Sozialpädagogik zu studieren, war dann wild entschlossen, nicht abzuschliessen, habe hingeworfen und bin in einen ausgebauten 7,5 Tonner – LKW gezogen.

Drei komplette Jahre in Italien, Griechenland und Osteuropa auf Reise folgten, zwei davon auf Tournee als Stuntfrau einer italienisch/deutschen Helldriver – Truppe. Im Rahmen dieses Engagements, wir haben 3 Monate auf Zypern gastiert, bin ich mit der arabischen Musik in Kontakt gekommen, habe Oum Kalthoum lieben gelernt, ein syrischer Radiosender wehte nachts ihre Lieder in meinen Wagen.

Und ich habe es geliebt, im Kreis der Frauen abends in diversen Musiktavernen zu tanzen. 1985 und zurück in Berlin, wurde mein Sohn geboren und sechs Wochen danach ist mir im September auf einem Kleinkunstfest des „Traumtheaters Salome“ am Ku`Damm mein Beruf und meine Berufung „Orientalischer Tanz“ in Gestalt der amerikanischen Legende „Feyrouz“! in`s Leben gewirbelt. Diese grossartige Frau und Lehrerin wurde meine Mentorin, sie hatte einen sehr professionellen Anspruch und ich kann schon sagen, dass sie mich ausgebildet hat, wenn auch ohne „Zertifikat“.

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Im Winter 1986 habe ich mein erstes Circus-Gastspiel angetreten, drei Monate „Circus Oriental“ in Luzern, kleine Gage, grosse Inspiration, grosses Glück und das beste Betriebspraktikum ever. Es folgten 4 Jahre als Solistin auf fast ununterbrochener Tour mit verschiedenen Unternehmen, darunter auch 1,5 Jahre mit dem Circus Roncalli, eine Art Abschlussprüfung in Sachen Unterhaltungskunst,Verbindlichkeit und Durchhaltevermögen. In der engen Zusammenarbeit mit internationalen Artisten, Clowns, Musikern, Sängern, immer als Künstlerin Teil eines Gesamtkonzepts, zwar eigenverantwortlich für meinen Tanz, aber unter Regieanweisung stehend und dramaturgisch eingebunden, habe ich Grundlegendes über Choreographie, Darstellung, Trainingsmethoden, andere Tanzformen gelernt, eine autodidaktische Herausforderung, Fortbildung ohne Unterlass, Leben als Studium.

Ab 1990 entwickelte sich in Deutschland eine neue Variete-Szene, ich gehöre zu der Gründergeneration der Erneuerer dieses Genres in Berlin, das „Chamäleon“ als Brut – und Heimstätte des „Cirque Noveau“ wurde mein Wohnzimmer. Bis zur Geburt meiner Tochter 2000 durfte ich mindestens sechs, auch mal neun Monate jährlich en suite in allen Häusern Deutschlands und der Schweiz auf der Bühne stehen: meine Circuserfahrung war hier die „Eintrittskarte“ sprich professionelle Referenz.

Ausserdem kamen auf der Varietebühne, da ein ganz eigenes Genre, spannende, weil noch einmal mehr kunstspartenübergreifende, Erfahrungen dazu. Ab 2000 habe ich mich langsam aus der Artistenwelt zurückgezogen, der Grund war die enge Zusammenarbeit mit dem Berliner „Oasis Danse Ensemble“. Die daraus resultierende Re-Verbindung mit der Orientalischen Tanzszene und die Freude an einer kreativen Ensemblearbeit, in die ich meine Ideen einbringen und an der ich künstlerisch reifen konnte, machten es mir 2003 leicht, eine Entscheidung zu treffen: für ein künstlerisches Betätigungsfeld, in dem ich fachlich wachsen und experimentieren durfte.

Nach und nach kamen auch Anfragen nach Workshop-Klassen, ab 2004 stand ich plötzlich mehr im Tanzsaal als auf der Bühne, mit dem Format TAI(„TanzAusdruckImprovisation“ ziehe ich nun seit 2005 als „Wanderpädagogin“ und Bühnenprojektfrau durch die Lande, mein Ansatz ist sehr konsequent vom zeitgenössischen Tanz, von Theaterarbeit und einer intensiven, ganzheitlichen Körperwahrnehmung geprägt, ich bewege mich künstlerisch wie didaktisch im weiten Feld der Improvisation. Breit aufgestellt, versuche ich den Wurzeln, der Kernaussage des Orientalischen Tanzes auf die Spur zu kommen: 35 Jahre Tanzen heisst eben auch 35 Jahre Erforschung und, vor allem: 35 Jahre „nah am Menschen“ sein, ob nun einem Publikum oder meinen SchülerInnen!!

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Wo bietest Du Deine Kurse an?

Ich habe nie den Wunsch gehegt, ein eigenes Studio zu eröffnen, meine Konstante ist weiterhin das „nicht Sesshafte“, das  Reisen. Zwar biete ich auch in Berlin offene Workshops bzw. Projektreihen/ Werkstätten an, diese sind aber zeitlich begrenzt und finden nicht in eigenen Räumen statt. In anderen Städten arbeite ich mit lokalen Tanzschaffenden zusammen, nutze deren Infrastrukturen für meine, wie ich recht mobile „Community“.

Übst Du Deine Tätigkeit als Tanzpädagogin / Choreographin / Tänzerin haupt- oder nebenberuflich aus?

Sehr hauptberuflich mit allen Vor – und Nachteilen des „24/7“ Freiberuflerdaseins.

Wie lange gibt es Deine Angebote schon?

Mich als „Orientalische Tänzerin in Vollzeitidentifikation“ seit September 1985, als Performerin/Solistin seit 1986, als Unterrichtende seit ca. 2000, unter dem Titel „zeitgenössisch orientalisch“ seit 2003, mein Format TAI („TanzAusdruckImprovisation“) wurde 2005 geboren, seit 2010 führe ich im Jahr bis zu drei Werkstattklassen durch, die meist eine Aufführung im öffentlichen Rahmen als Ziel setzen.

Begrenzt auf 12 TeilnehmerInnen, wachsen (meist) Frauen ganz unterschiedlicher tänzerischer Vorbildung, Alter, Statur zu einem Ensemble zusammen, probieren sich in einem geschützen Rahmen aus und nähern sich dem Orientalischen Tanz aus einer künstlerischen Perspektive, die nicht den gängigen Klischess entspricht. „Secret Lila“ – Bühnenprojektreihen, Tanztheater… und immer ist der Grundgroove das „gemeinsam“, es wird improvisiert, in Kontakt getreten. Mental, sozial, kommunikativ, auch und vor allem, sehr physisch!

Darüber hinaus biete ich TAI seit 4 Jahren auch als Fortbildung für LehrerInnen an.

Die übrige Zeit gebe ich weiterhin offene TAI -Workshops, befasse mich mit allen möglichen Themen des Orientalischen Tanzes, von „Basics“ über Folklore diverser Richtungen bis hin zu der Arbeit mit Requisiten.

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Welche Tanzrichtung(en) unterrichtest Du? 

Orientalischen Tanz, mit Vorliebe das Grundrepertoire als Ausgangspunkt zur Improvisation/eigenen Variation, mein Herz schlägt für die Folklore. Ich unterrichte auch Tänze der osteurpäischen Roma, besonders der türkische Roman Havasi und der 9/8tel-Rhythmus haben es mir angetan. Schleier, Säbel, eine Baufolie als pädagisch-optischer Rundumschlag ergänzen, erweitern das Tanzspektrum. Improvisation ist auch dann mein Mittel, wenn es um choreographische Aspekte geht, immer will ich Bewegung mit Ausdruck und Emotion füllen, erlebbar, fühlbar, mit allen Sinnen begreifbar werden lassen.

Schauspiel fliesst mit ein, hin und wieder kommen archetypische Wesen vorbei! Gerade in der Arbeit mit Laien geht es mir um eine professionelle Haltung, um Fokus, Würde, Selbstbewusstsein, auch Respekt vor einer Kultur, der die meisten meiner SchülerInnen und ich auch, nicht selbst angehören. Showtanz kann ich aus dem f.f., siehe meine Vita, mag ich aber nicht mehr so richtig, meine Stilistik orientiert sich an zeitgenössischen Ästhetiken.

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Welche Tanzrichtung/ Körperarbeit ausser OT, unterrichtest Du?

Immer im engen Bezug zum Orientalischen Tanz: Modern Dance, Contemporary, Ballett, Contact, Schauspiel, BMC, Feldenkreis, Yoga. Und VIEL Improvisation. 

Hattest Du bisher ein Online-Angebot?

Nein. Meine Arbeit, meine Inhalte basierten/basieren noch absolut auf der Idee des Orientalischen Tanzes, von Tanz überhaupt, als kommunikatives, zwischenmenschliches, soziales, interaktives, energetisches Gebäude, in dem echte, fassbare Menschen wohnen. „Online“ war bis dato für mich eher ein Trend bzw. eine Werbeplattform für junge Kollegen, mir selbst zu unpersönlich und/oder einfach auch zu sehr „digitale Selbstdarstellung“.

Klingt nach Vorurteil, ist es auch. Mit meinen fast 60 Jahren bin ich nicht wirklich digital-affin, lerne da eher zögerlich dazu, meine „Skills“ liegen definitiv in der realen Tanzvermittlung und/oder in der Performance vor einem echten, anwesenden Publikum, nicht in der lockeren Bedienung digitaler Endgeräte. Ich schleppe noch CDs mit mir rum! Online – classes… ich war nicht prinzipiell „dagegen“, aber es gab für mich persönlich auch nirgends ein „dafür“.

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Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf Dein Angebot aus?

„Vollbremsung“. Ich bin noch am 13. März nach Basel geflogen, um dort eine Tanztheater-Werkstatt zum Abschluss und eigentlich auch noch das Ergebnis in einem öffentlichen Showing auf die Bühne zu bringen. Hinter mir machten in Berlin die Theater (und alles andere auch) zu, mein Mann ist Schauspieler, herrjeh. In Basel war es ähnlich, “Lockdown“, unsere Aufführung wurde gecancelt, die Klasse habe ich mittels Unterstützung meiner Organisatorin und ihrem Mann und Dank hoch motivierter Ensemblefrauen noch zu Ende gebracht.

Allgemeingültige  Corona – Regeln? Gabs noch nicht, aber wir haben das gesamt Studio vor der Probe desinfiziert, gelüftet wie die Weltmeister, uns die Hände wund gewaschen und überhaupt sehr refelektiert getanzt und das Video wirkt, trotz oder wegen der Umstände, wunderbar konzentriert, zärtlich – achtsam und besonders Oum Kalthoum… Das ist die Erinnerung an meine letzte Berufsausübung vor der Corona-Zeit. Die Rückreise hat sich schon wie eine Flucht angefühlt und dann: Ende, freier Fall.

Wie geht es Dir damit?

Die ersten Wochen tatsächlich besser als erwartet und auch jetzt erwischt mich nur partiell existenzielle Panik. Mein Lebenstempo war ein bisschen hoch in den vergangenen Jahren, und 2020 war noch mehr los, mein Jubiläum eben. Nichts vor und zu tun zu haben, weil eben nichts getan werden kann und darf, das war eine erlaubte, nicht selbstverschuldete Pause, eine Wohltat für mich dauergehetzte Freiberuflerin.Toll auch, ich habe das Joggen entdeckt!

Nein, ganz so leicht nehme ich die Krise nicht, sie ist eine, auch für mich. „Tanzen im Zeiten von Corona“… für unzählige Kunst – und Kulturschaffende geht es nicht nur um das Tun an sich, sondern es geht um komplette Lebensentwürfe, um das „Überleben in Zeiten von Corona“. Im beruflichen „Aus“ zu sein, ist allumfassend und bis in meinen persönlichsten Kern hinein beängstigend, meine Grundpfeiler beginnen, nach nun über zwei Monaten des Hoffens und „am Ball bleibens“ und der Eigen – und Fremdmotivation, zeitweise ernsthaft zu wanken.

Aber nun, wo überall gelockert wird, befinde ich mich in einer Art „Wiederbegnungs-Reha“, das Organisieren von evtl. tatsächlich „real“ stattfindenden Workshops unter Berücksichtung (sich immer auch wieder ändernder) Auflagen, ist eine echte Knackaufgabe. Drei unterschiedliche Konzepte von einer Veranstaltung sind gerade das Minimum. Hui. Was sind noch mal die wichtigsten Eckpfeiler des Künstlersdaseins, frei nach meinem alten Jazzdance-Trainer? Disziplin, Flexibilität, Timing und Zuversicht.

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Hast Du finanzielle Unterstützung bekommen?

Die staatlichen Care-Pakete wurden in Deutschland wirklich extrem schnell und unbürokratisch verteilt, ich bin dafür sehr dankbar. Mein Mann und ich bekamen zügig Geld von der Stadt Berlin überwiesen. Natürlich ersetzt mir die einmalige Soforthilfe nicht den gesamten Ausfall, Gott und Göttin, aus einem vollen Terminkalender wurde schlagartig ein leerer und die Auswirkungen auf Zukünftiges wird sich noch zeigen. s.o., Nerven bewahren! Und die „Carpe Diem“ – Grundeinstellung der Improvisation mit in den Alltag nehmen.

Hast Du jetzt ein Online-Angebot? Falls ja, wie konntest Du das realisieren?

Ja, ich bin dann auch „online“ gegangen. Und ich bin froh darüber! ZOOM war gar nicht so schwer zu begreifen, mein alter Laptop reichte aus für meine Zwecke, sogar die integrierte Kamera funktionierte ad hoc und ich musste auch nicht meine Wohnung zum Filmstudio umbauen, ein Baustrahler neben meiner Fensterbank – Clivie reicht bis heute aus, um mich nett zu entfalten. Vor allem das Weiterbetreuen meiner, gerade Anfang März in Berlin angelaufenen Jubiläums-Bühnentanzprojektwerkstatt „Secret Lila:TRANCE“, zu einem sinnstiftenden und Mut auf die Zukunft machenden Überlebensmittel. 11 Frauen, habe ich 6 Wochen lang in Einzelcoachings betreut, es war uns eine Freude und hat das Projekt inhaltlich und menschlich gerettet!

Sehr konzentriert, sehr wirksam, sehr kreativ, ich beherrsche die Kunst des bildhaften Anleitens, nehme mein Gegenüber durch das Medium fast noch genauer war: eine tolle Erfahrung und veritable Horizonterweiterung.

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Wie siehst Du die zukünftige Entwicklung?

Unbedingt werde ich das oben beschriebene online-Coaching im Angebot beibehalten und kultivieren, ob nun projektbezogen oder einfach, weil sich jemand mit einem Thema, einer Frage an mich wendet. Vielleicht entwickelt sich auch eine digitale TAI-Klasse, dann aber nur kleinfeinüberschaubar, mehr als sechs  Leute kann ich nicht mehr persönlich ansprechen, verschwimmen auf dem Schirm zu einem Wimmelbild.

Ansonsten plane ich weiter „analog“, es geht mir um den ganzen Menschen im Tanz. Wie weit in die Zukunft? Weit! Ein Jahr, zwei, wie immer eigentlich. Datum/Ort/Themen, alles braucht Zeit. Als Selbständige habe ich gelernt, Ideen zu entwickeln, mein Herz voraus zu werfen, auf einem „Auge blauäugig“ zu bleiben und mit dem anderen sehr genau die Realität im Blick zu behalten. Und daher gibt es eine (ergänzende) online – Variante für zukünftige Konzepte. Und Corona-Regeln werden mitgedacht. Mehr kann ich nicht tun… ausser gesund und optimistisch zu bleiben und mich über mein, Anfang Mai geborenes Enkelkind zu freuen.

Und auf die Wiederaufnahme des Grazer „Secret Lila“- Bühnenprojekts und dessen Werkschau am 18. Oktober des Jahres!

Am 27. 3. hätten wir eigentlich die Werkschau präsentieren sollen, natürlich mussten wir den Abend canceln.Wir hoffen, ihn nun nachholen zu können! Ein Um – und Neudenken der Dramaturgie, begrenzte Bestuhlung, Abstandsregeln im Saal und auf der Bühne, ein gemeinsames Anstossen danach mit einem Glas Sekt – wir werden sehen, was wie „gehen“ wird und was eben nicht. Aber ein Lichtblick am Horizont des „Tanzen in Corona-Zeiten“ ist die Wiederbegenung mit den „Lila“-Frauen auf jeden Fall! Inshaalah!  

Links zu Raksan: 
raksan.de 
www.facebook.com/raksan.tanzt

Fotos: Raksan

Die Gruppenfotos sind bei unseren Proben zur Secret Lila Werkschau in Graz entstanden – verschoben auf 18. Oktober 2020 – alle Infos hier:
https://astrid-pinter.at/secret-lila


FORTBILDUNG FÜR GRUPPENLEITERINNEN

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Hier gibts alle Infos:
https://astrid-pinter.at/blog/tanzen-in-zeiten-von-corona-massnahmen

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Astrid Pinter

Tanz- und Ausdruckstherapeutin, Tanzpädagogin. Ich leite seit über 20 Jahren Tanz- und Bewegungsgruppen für Frauen.
Mehr über mich unter "Über Mich" :-)

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