Polarität – Integration der Schattenseiten

„Die Dualität wird überwunden zugunsten des grundlegenden Gedankens von der Polarität (…) Die Bewegung lebt aus polaren Bindungen, bezogen auf An- und Abspannung, Aus- und Einatmung, Physiologie und Psychologie.“
(PETER-BOLAENDER, 1992)1

Entwicklung von bereits Vorhandenem

C. G. Jung nennt die Entwicklung der Person Individuation und meint damit eine bewusste Entwicklung einer bereits vorhandenen Ganzheit. Das heisst, alles was Du zu Deiner Ganzheit brauchst, ist bereits vorhanden und muss nur gefunden bzw. – noch einfacher – gesehen werden. Ent-Wicklung im Wortsinn also – wie das Abwickeln einer Garnrolle, das sich Öffnen einer Blüte oder das Auspacken eines Geschenks 🙂 Wir können also beruhigt aufhören nach dem Fehlenden zu suchen und unseren Blick liebevoll auf das lenken, was schon da ist – es ist schon alles.

Umarmung der Schattenseiten

Selbsterfahrung, Wachstum und Persönlichkeitsentwicklung sind also schrittweise Umarmungen aller Aspekte von uns selbst. Auch von denen, die wir ablehnen, entwerten und verdrängen. Und die uns deshalb bewusst nicht zur Verfügung stehen. Und unbewusst Probleme verursachen können. Wir befinden uns immer irgendwo auf einer Achse zwischen 2 Extremen. Solange wir versuchen eine Seite (die ungeliebte) loszuwerden, wird sie sich umso mächtiger äußern. Vielleicht in Stimmungen, Krankheiten oder widrigen Lebensumständen.

Integration statt Entweder / Oder

Wenn wir von Integration der Polaritäten sprechen, meinen wir ein Auflösen des Entweder/Oder Prinzips. Ein Loslassen der Bewertungen, Vergleiche und Zuordnungen zu Gut / Schlecht, Richtig / Falsch etc. Wir versuchen uns nicht „auf die richtige Seite“ zu schlagen, sondern alles, was wir in uns entdecken, anzunehmen. So brauchen wir unsere Schattenseiten nicht zu bekämpfen – weder durch Projektionen im Außen noch in uns selbst. Und entwickeln uns dabei zu Ganzheit.

Einfacher Zugang durch Tanztherapie

Gerade in Bewegung wird das deutlich sichtbar. Keine Bewegung ist ohne ihre Gegenbewegung möglich, zur ihrer Ausführung ist immer das Zusammenspiel gegensätzlich wirkender Muskeln nötig. Der Agonist führt die Bewegung aus während der Antagonist gedehnt wird und umgekehrt.

„Die Menschen leben, als ginge es immer um ein „entweder/oder“. Sie denken, sie brauchten bloß auszuwählen und schon verschwände das, was sie nicht gewählt haben… Wenn Sie im Leben eine Wahl treffen, dann werden Sie niemals das los, was Sie nicht gewählt haben.“
(WHITEHOUSE, 1991)2

Funktionen des Bewusstseins

C.G. Jung beschreibt neben anderen Eigenschaften wie Extraversion, Introversion, Willenskraft, Temperament oder Gedächtnis vier Funktionen des Bewusstseins:

Empfindung: Wahrnehmung über die Sinne, das elementare Bewusstsein um die Körperfunktionen
Denken: Benennen, Interpretieren, Verknüpfen des Wahrgenommenen, Bewertung nach richtig und falsch
Gefühl: Bewertung des Wahrgenommenen nach Lust und Unlust, angenehm oder unangenehm
Intuition: unmittelbares Wahrnehmen, Bewusstwerden von Zusammenhängen, Ahnen

„Die Empfindung (das heißt Sinneswahrnehmung) sagt, dass etwas existiert; das Denken sagt, was es ist; das Gefühl sagt, ob es angenehm oder unangenehm ist; und die Intuition sagt, woher es kommt und wohin es geht.“
(JUNG, 1999)3

Dabei stehen sich Empfindung und Intuition als Achse der Wahrnehmung und Denken und Fühlen als Achse der Bewertung gegenüber.

Die entwicklungsgeschichtliche Reihung führt von Empfindung über Gefühl zu Denken und Intuition. Welche Bewusstseins- Funktionen besser entwickelt sind, hängt sowohl von den persönlichen Voraussetzungen, als auch von der jeweiligen Kultur ab.

Eine volle Entfaltung des Bewusstseins gelingt nur, wenn alle vier Teilbereiche eingesetzt und differenziert werden.

Nach Laban korrespondiert der Bewegungsfaktor Raum mit Aufmerksamkeit und der Frage nach dem Wo, der Bewegungsfaktor Fluss mit Genauigkeit und der Frage nach dem Wie, der Faktor Kraft mit Absicht und der Frage nach dem Was und der Faktor Zeit mit Entschlossenheit und der Frage nach dem Wann.

Effort / AntriebFrage nachInnere BeteiligungAnkämpfendErspürend
RAUMWOAufmerksamkeitDirektIndirekt
KRAFTWASIntention, AbsichtStarkLeicht
ZEITWANNEntscheidung, EntschlossenheitSchnellGetragen
FLUSSWIEGenauigkeit (Festhalten/Loslassen)GebundenFrei

Diese Zusammenhänge und Gedankengänge wurden von Laban-SchülerInnen, wie z.B. Marion North weiterentwickelt:

„Marion NORTH (vgl. 1972, 267) spezifiziert die Erkenntnisse ihrer langjährigen Bewegungsforschung auf der Basis der LABANschen Bewegungstheorie und –analyse wie folgt…:

• –  Raum korrespondiert mit Denken

• –  Zeit korrespondiert mit Intuieren

• –  Bewegungsfluss korrespondiert mit Fühlen

• –  Gewicht/Kraft korrespondiert mit Empfinden

(PETER-BOLAENDER, 1992)4

Eine Verknüpfung der Bewusstseins-Funktionen nach Jung mit der Antriebslehre von Laban ergibt also folgendes Raster:

Effort / AntriebFrage nachBeeinflusstInnere BeteiligungAnkämpfendErspürend
RAUMWODENKENAufmerksamkeitDirektIndirekt
KRAFTWASEMPFINDENIntention, AbsichtStarkLeicht
ZEITWANNINTUITIONEntscheidung, EntschlossenheitSchnellGetragen
FLUSSWIEGEFÜHLGenauigkeit (Festhalten/Loslassen)GebundenFrei

Sowohl für Jung, als auch für Laban bedeutet die Integration von Gegensätzen einen Weg zur persönlicher Entwicklung und Selbstverwirklichung.

Die Art unserer inneren Motivation drückt sich also in unserer Bewegung aus und befindet sich irgendwo auf der Linie zwischen ankämpfend oder erspürend. Je nachdem, welche Bewegungsqualität wir bevorzugen, stehen Aufmerksamkeit, Genauigkeit, Absicht oder Entschlossenheit im Mittelpunkt – beziehungsweise unser Denken, Fühlen, Empfinden oder unsere Intuition. Die entsprechenden psychologischen Zuordnungen drücken sich wieder in beiden Polen aus. Ob eine Eigenschaft gut oder schlecht ist, unterliegt unserer Bewertung!

Die folgende Sammlung von Eigenschaften zu den Efforts orientiert sich an der Beschreibung Susanne Benders (BENDER, 2005)5:

Effort / AntriebAnkämpfend / Erspürend (A/E)Psychologische Aspekte
RAUMA: Direkt+ Entschieden, eindeutig, entschlossen
- Aufdringlich, verletzend rucksichtslos, eingeschrankter Horizont
E: Indirekt+ Freischwebende Aufmerksamkeit, das ganze im Blick haben
- Ausweichend, keine Entscheidungen treffen, unkonzentriert, überall und nirgends, Widerstand gegen Verpflichtungen, zerstreut
KRAFTA: Stark+ Durchsetzungskraft, energisch, kraftvoll, Willensstarke, prasent, standhaft, vital
- Stur, Autoritar, unterdruckend, arrogant, anmaßend
E: Leicht+ Zart, behutsam, sanft, froh, locker, sensibel, einfuhlend, fröhlich, diplomatisch
- Oberflächlich, nicht greifbar, unkritisch, seicht, unkritisch, keinen festen Standpunkt
ZEITA: Schnell+ Energiegeladen, effizient, spontan, einfallsreich, entschlossen, antreibend, temperamentvoll, lebhaft
- Unberechenbar, hysterisch, abrupt, ungeduldig, voreilig, ubererregbar
E: Getragen+ Intensiv, konzentriert, in sich ruhend, Zeit haben und lassen, achtsam, vorsichtig,
- trage, trodeln, faul, lahm, nicht zum Ende kommend, zah, klebend, in die Lange ziehend
FLUSSA: Gebunden+ Verbindlich, zuverlassig, kontrolliert, berechenbar, harmonisch, klar, klare Grenzen
- Verkrampft, starr, uberkontrolliert, verbissen, rigide, selbstbeschrankend
E: Frei+ Locker, offen, großzugig, entspannt, aufrichtig
- Flatterhaft, nicht fassbar, leicht beeinflussbar, unbestimmt, aufdringlich, Schwierigkeit Ziele zu finden

Eine Zusammenfassung der bisherigen Ausführungen lässt sich in einem Raster darstellen der, ausgehend von einer inneren Motivation (Antrieb / Effort) an der Art der Bewegung erkennen lässt, bei welchen Themen es innere Beteiligung gibt, wie diese aussieht, welche der Bewusstseins-Funktionen betroffen ist, ob eine Phase des Lernens und Versuchens, oder auch der Angst und Verweigerung (Vorantriebe) vorliegt und ob eher erspürende oder ankämpfende Qualitäten thematisiert werden:

Bewegungspolaritäten

Wenn Du diese Übersicht größer zum Ausdrucken haben möchtest, schreib mir einfach (office@astrid-pinter.at) – oder hinterlass mir einen Kommentar – ich schick Dir das pdf dann gerne zu!

Diese Zusammenhänge können einerseits zur Bewegungsanalyse und Diagnose- Erstellung verwendet werden, andererseits erleichtern sie den ressourcenorientierten Blick.

Jedes Sichtbarwerden von Efforts, das heißt, jeder innere Antrieb hat einen positiven Aspekt. Durch Bewegungsbeobachtung bzw. -wahrnehmung kann ich also meinen Blick direkt auf meine Ressourcen lenken.

Für viele Menschen ist der Zugang über Bewegung einfacher; so kann jemand z.B. an sich selbst eher gebundene Bewegung oder hohe Körperspannung (ich kann nicht lockerlassen, meine Schultern sind immer verspannt, u.a.) wahrnehmen als z.B. Verbissenheit oder Rigidität.

In der Arbeit mit Bewegung kann ich in diesem Fall den Blick auf den positiven Aspekt der jeweiligen Ausprägung lenken, in unserem Beispiel z.B. Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit. Das erleichtert meist ein Annehmen des abgelehnten Aspekts und ermöglicht so die Grundvoraussetzung für Veränderung: Wahrnehmen und Akzeptieren von vorhandenen Mustern und Einstellungen.

Das Erleben, dass Eigenschaften, die Du an Dir selbst ablehnst, auch eine positive Seite haben, wird Dich bestärken und  zum Ausprobieren neuer Bewegungsmuster und damit Verhaltensweisen motivieren!

1 Peter-Bolaender, Martina, Tanz und Imagination, 1992, S. 154

2 Starks Whitehouse, Mary, in: Willke, Hölter, Petzold, Tanztherapie, Theorie und Praxis, 1991 S. 142

3 Jung, C.G.; von Franz, Marie-Louise; Henderson, Joseph L.; Jacobi, Jolande; Jaffe, Aniela; Der Mensch und seine Symbole, 2003, 16. Aufl. der Sonderausgabe 1999, S. 61

4 Peter-Bolaender, Martina, Tanz und Imagination, 1992, S. 177

5 Bender, Susanne, Die Bedeutung der Bewegungsanalyse für die Tanztherapie, Skriptum, März 2005, S. 37


Newsletter

Du möchtest auf dem Laufenden bleiben? Schließ Dich 897 AbonnentInnen an und fordere hier den Newsletter an!. 13 Tipps zum Improvisieren + Musiktipps zum Download gibts gratis dazu!

 

Posted in Blog, Methoden der Tanztherapie and tagged , , , , , , , .

Astrid Pinter

Tanz- und Ausdruckstherapeutin, Tanzpädagogin. Ich leite seit über 20 Jahren Tanz- und Bewegungsgruppen für Frauen.
Mehr über mich unter "Über Mich" :-)

5 Comments

  1. Danke für die tolle Auflistung – sehr übersichtlich – habe selbst Ausdruckstanzpädagogik bei Veronika Fritsch gemacht – in einer für mich schwierigen Lebensituation – habe sehr davon profitiert und bin daran gewachsen – unterricht jetz Kinder in Kreativem Tanzen – möchte gerne aber selbst mit Tanzen in Bewegung bleiben – und freue mich immer über deine Mails – irgendwann wird es klappen – das ich nach Graz kommen kann. Herzliche Grüße und Danke für all die guten und wertvollen Inputs über -Tanz . Gudrun

    • Liebe Gudrun,

      schön von Dir zu hören. Auch ich habe Tanztherapie bzw. Tanzpädagogik in verschiedensten Lebenssituationen als sehr hilfreich erlebt und denke dass es vielen Menschen so geht. Schön auch, dass Du ein Betätigungsfeld gefunden hast. Und ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns mal persönlich kennen lernen!

      Herzliche Grüße
      Astrid

      PS: pdf ist per mail unterwegs

  2. Pingback: Tanz zu Dir Selbst in Kurzform - entdecke die Tänzerin in Dir!

  3. Pingback: Improvisieren. Körperliche & geistige Entspannung mit Tanz

  4. Pingback: Bewegungspolaritäten nach Laban - den Blick aufs Positive lenken - Tanz zu Dir Selbst

Kommentar verfassen