Bewegungspolaritäten nach Laban – den Blick aufs Positive lenken

Bewegungsbeobachtung mithilfe der Antriebslehre nach Laban und Kestenberg klingt zwar vielleicht etwas kompliziert, ist aber ein sehr einfaches und effektives Mittel unsere Aufmerksamkeit auf unseren inneren Reichtum zu lenken, auf unsere Schätze, auf alles was schon da ist!

In der Tanz- und Ausdruckstherapie spielt die Antriebslehre Labans eine wesentliche Rolle:

Rudolph von Laban

Rudolph von Laban (Rezső Laban de Váraljas) wurde 1879 im damals ungarischen Poszony (heute Bratislava in der Slowakei) geboren. Er war Tänzer, Choreograf und Tanztheoretiker. Nach einem abgebrochenen Studium an der Militärakademie Wiener Neustadt kam er über Paris nach München und gründete dort 1911 eine Schule für Bewegungskunst.

1936 emigrierte er nach England und arbeitete dort bis zu seinem Tod (1958) weiter an seinen Tanz- Konzepten. Diese lassen sich in drei Bereiche untergliedern lassen: Labanotation, Raumharmonielehre und Antriebslehre.

Laban wandte sich gegen das Ballett als historisch erstarrte Form und sah Tanz als Ausdruck seelischen Erlebens, als Mittel zur Persönlichkeitsentfaltung und als Weg zur Ganzheit.
Laban Choreografie

Aus: Valerie Preston-Dunlop, Anna Cerliste:
Living Architecture. Rudolf Laban and the Geometry of Dance. DVD, 2008
Von Iwona WojnickaEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30328086

Als Antrieb (engl. Effort) bezeichnete er die innere Beteiligung, die Motivation zu einer Bewegung, deren Ausprägung immer durch zwei gegensätzliche Pole – einen ankämpfenden und einen erspürenden – gekennzeichnet ist.

Ist eine innere Beteiligung vorhanden, werden also Antriebe beobachtet, lässt sich die Art erkennen, in der die Person mit äußeren Realitäten von Raum, Kraft und Zeit umgeht und in welcher Körperspannung das passiert:

Laban Efforts

Effort / AntriebInnere BeteiligungAnkämpfendErspürend
RAUMAufmerksamkeitDirektIndirekt
KRAFTIntention, AbsichtStarkLeicht
ZEITEntscheidung, EntschlossenheitSchnellGetragen
FLUSSGenauigkeit (Festhalten / Loslassen)

Judith Kestenberg

Judith Kestenberg1 sieht den Faktor FLUSS nicht als Antrieb, sondern definiert stattdessen Spannungsflusseigenschaften, mit denen das Kleinkind seine innere Welt der Gefühle und Triebe steuert, während die Antriebe Raum, Kraft und Zeit sich auf den Umgang mit der äußeren Umgebung beziehen.

Die Entwicklung von Spannungsflusseigenschaften (wobei die Spannungsflusseigenschaften ein Leben lang beibehalten werden!) hin zu Antrieben geschieht laut Kestenberg über die VORANTRIEBE. Als Vorantrieb wird der Versuch, die äußere Umgebung zu beeinflussen, bezeichnet.

Laban Choreografie

Aus: Valerie Preston-Dunlop, Anna Cerliste: Living Architecture. Rudolf Laban and the Geometry of Dance. DVD, 2008
By Iwona WojnickaOwn work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30328089

Vorantriebe

Der Versuch, den Antrieb Kraft einzusetzen und sich energisch und durchsetzungsstark zu bewegen, kann so z.B. als Vehemenz oder Überanstrengung sichtbar werden. Vorantriebe können demnach immer in Lernphasen – nicht nur bei Kleinkindern – beobachtet werden, werden aber auch als Abwehr gegen unerwünschte Gefühle (z.B. Angst) eingesetzt.

Im Bezugsrahmen Raum, Kraft und Zeit beobachten wir also folgende Vorantriebe:

Effort / AntriebRAUMKRAFTZEIT
AnkämpfendDirektStarkSchnell
VorantriebKanalisierenVehement / ÜberanstrengtPlötzlich
ErspürendIndirektLeichtGetragen
VorantriebFlexibelVorsichtigZögerlich

Bewegung kann also in Bezug auf Kraft, Raum, Zeit und Fluss entweder in einer ankämpfenden oder erspürenden Haltung geschehen. Nach Ansicht Labans sollten diese inneren Einstellungen körperlich empfunden und bewusst gemacht werden. Das würde grundlegende Hinweise auf Charakter und Persönlichkeit und somit die Freiheit der Wahl geben.

Den Blick auf die positive Seite lenken

Natürlich können wir diese Bewegungsbeobachtungen dazu verwenden, Charakter und Persönlichkeit zu „erraten“ und eine Typen-Einteilung schaffen, mit der sich leicht Persönlichkeitstest durchführen lassen und Menschen bestimmte Eigenschaften und Einstellungen zugeordnet werden können.

Ich halte das aber nicht für zielführend und auch ethisch fragwürdig. Menschen sind so verschieden wie ihre Bewegungen. Trotzdem ist Labans Antriebslehre für mich ein sehr wichtiges Instrument geworden und bestimmt Tanz zu Dir Selbst wesentlich.

Nichts wie die Lehre und Beobachtung der Efforts macht es so deutlich, dass alles im Leben 2 Seiten hat. Menschen bewegen sich entweder schnell oder langsam, setzen viel Kraft ein oder wenig, mit viel oder wenig Spannung und ihre Aufmerksamkeit wird sich irgendwo zwischen sehr direkt und schwebend im Raum bewegen.

Und wir alle bewegen uns irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Und jeder dieser Pole hat seine positiven und negativen Seiten. Bewegungsbeobachtung mithilfe der Antriebslehre nach Laban und Kestenberg klingt zwar vielleicht etwas kompliziert, ist aber ein sehr einfaches und effektives Mittel unsere Aufmerksamkeit auf unseren inneren Reichtum zu lenken, auf unsere Schätze, auf alles was schon da ist!

Wie wir das genau tun können im nächsten Artikel: Polarität – Integration der  Schattenseiten.

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1 Judith Kestenberg, geb. 1910 in Krakau, gest. 1999, Psychoanalytikerin, Kinderpsychiaterin, Begründerin des „Kestenberg-Movement-Profile“

Titelfoto: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9394067


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Astrid Pinter

Tanz- und Ausdruckstherapeutin, Tanzpädagogin. Ich leite seit über 20 Jahren Tanz- und Bewegungsgruppen für Frauen.
Mehr über mich unter "Über Mich" :-)

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  1. Pingback: Polarität - Integration der Schattenseiten - Tanz zu Dir Selbst

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